Wir mit uns at home - ein ganz persönlicher Pandemie-Bericht

Es ist der Anfang eines großen Experiments. Wir, das sind fünf Menschen zwischen 4 und 48 Jahren, die am Stadtrand von Stuttgart bislang ein ganz normales Leben führen. Aber was ist schon normal? Normal ist all das, was erst auffällt wenn es nicht mehr da ist ....

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Foto: Haus © Valentina Locatelli, Lizenz, Unsplash (02.04.20) 


14.05.2020 - Eintrag 7

Ja, wir leben noch. In den vergangenen Wochen ist viel passiert. Und andererseits auch wieder garnichts. Wir befinden uns in Woche neun des großen Experiments. Wir sind gesund und meistens munter. Das Leben nimmt seinen Lauf und wir passen uns an. Ich konnte nicht darüber berichten, weil ich es nicht gemerkt habe. (Okay, und weil ich nicht dazu gekommen bin – aus den bekannten Gründen.) Emma von nebenan hat das Fahrradfahren gelernt und Tim aus der Kita ist trocken geworden. Unsere inzwischen Fünfjährige hat gelernt, alleine mit ihren Pferdchen in verteilten Rollen zu spielen. Ich versuche, mich beruflich neu zu orientieren und meine Tante plant ihren achzigsten Geburtstag.

Ein Gelege junger Meisen ist in unserem Nistkasten gestorben. Mich hat dieses Bild noch ein paar Tage verfolgt, ich habe im Internet über das Meisensterben recherchiert, dem NABU Meldung gegeben und nach möglichen Ansteckungsquellen gesucht. Die Kinder waren kurz traurig, konnten sich dann aber sehr schnell wieder ihrem Sandkastenprojekt widmen. Ich wundere mich über unsere Kinder. Ich beneide sie. Sie können sich wahnsinnig aufregen über kleine Ungerechtigkeiten. Sie rebellieren, wenn sie früher ins Bett müssen als die Eltern. Sie zählen die Wurststücke in ihrer Suppe und vergleichen die Anzahl mit der in den anderen Tellern. Und ja, wenn man sie fragt, dann verfluchen sie Corona. Aber sie richten sich in der Gegenwart ein. Sie leben im Jetzt. Für sie ist unser derzeitiger Alltag längst kein Experiment mehr. Es ist die Normalität. Mit allem, was dazugehört: Mit den Lehrer-spielenden Eltern, dem ständigen Händewaschen und dem reduzierten Kontakt zur Außenwelt. Sie schauen mich nicht einmal mehr komisch an, wenn ich diesen Mund-Nase-Schutz aufsetze. Gitarrenunterricht hinter Plastikvorhang, Schulpause im Kinderzimmer, Busfahren mit Mundschutz – so what? Mir dagegen läuft ein Schauer über den Rücken, wenn ich merke, dass mein „Enthusiasmus“ zu Beginn der Krise so sehr auf deren Begrenztheit gebaut hat. Homeschooling und geschlossene Schwimmbäder erschienen exotisch – interessanter Perspektivwechsel. Geschlossene Ausflugslokale und Bekleidungsgeschäfte schonten den Geldbeutel. Für die Ferientage war eine neue Kreativität gefragt. Und jetzt franst irgendwie alles auf enttäuschende Weise aus. Geld dürfen wir gerne wieder ausgeben – am liebsten für ein neues Auto. Die Züge werden voller, Fitness-Studios und Golfplätze werden wieder bevölkert, am Stuttgarter Flughafen starten wieder Flugzeuge. Und ich muss meinen Arbeitgeber anbetteln, mir eine Präsenzpflicht zu bescheinigen, damit ich endlich mal wieder ein paar Stunden am Stück ungestört arbeiten kann. Die neue Normalität hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt...

31.03.2020 - Eintrag 6

Klimaschutz ist wichtig. Er könne jedoch in der jetzigen Situation „nicht oberste Priorität haben. Wir müssen zunächst die Wirtschaft wieder zum Laufen bringen.“ So wurde ein süddeutscher Automobilzulieferer heute Morgen in der Ulmer Südwestpresse zitiert. Mir wird schlecht. Ein Vergleich: Die Ausbildung von Kindern und Jugendlichen zu selbstbestimmten, empathischen und klugen Erwachsenen ist wichtig. Wir müssen zunächst aber die Schule wieder zum Laufen bringen. Hä? Für mich geht das eine nicht ohne das andere. Letzteres muss ersteres ermöglichen. Es darf sich niemals ausschließen!

Jetzt ist der Zeitpunkt, die Weichen neu zu stellen. Und aus den Erkenntnissen der schweren Zeit für die Zukunft zu lernen. Wir wollen nicht die Kinder bis zum Schulabschluss zu Hause beschulen und keiner will, dass die Geschäfte und Bars, die Friseure und Spielplätze für immer geschlossen bleiben. Aber vielleicht haben wir jetzt die Chance, beim Wiedereinstieg gleich etwas „richtiger“ zu machen als zuvor. Unsere Kinder würden sich beispielsweise wünschen, dass die Schule eine Stunde später beginnt, damit sie nicht regelmäßig aus dem Tiefschlaf gerissen werden, sondern ihrem natürlichen Rhythmus folgend dann mit dem Lernen beginnen können, wenn ihr Gehirn auch dazu bereit ist. Vielleicht würden sie auch in Zukunft gerne selber wählen, welches Fach jetzt dran ist und wie lange sie sich damit beschäftigen wollen. Unsere Zweitklässlerin kann sich wunderbare Fantasiegeschichten ausdenken. Aber vielleicht nicht am Dienstag um 10:30. Menschen, die selber Texte verfassen oder anderweitig kreativ tätig sind, wissen das längst. Genauso wenig bleiben die Englischvokabeln im Fünftklässlerhirn hängen, wenn dieses gerade einem Traum vergangener Nacht nachhängt.

Ich weiß, dass solche Dinge im Schulalltag mit Klassen voller quirliger Individuen schwer umzusetzen sind. Aber wenn wir uns selbstbestimmte, empathische und kluge zukünftige EntscheidungsträgerInnen wünschen, dann sollten wir zumindest jetzt anfangen, über neue Wege nachzudenken. Entsprechend erwarte ich von „der Wirtschaft“ auch ein Quäntchen Kreativität. Ein kurzes Innehalten und Reflektieren darüber, warum uns diese Krise so hart trifft. Wie unser Produzieren und Konsumieren in Zukunft aussehen könnte, damit wir uns, unserer Umwelt und den uns nachfolgenden Generationen zuliebe aus dieser ungewöhnlichen Zeit lernen können. Was ich mir davon verspreche? Eine Wirtschaft, die läuft. Und ein Bildungssystem, das funktioniert. Und zwar nicht im Sinne von höher, schneller, weiter. Sondern im Sinne der Nachhaltigkeit: widerstandsfähig („resilient“), gerecht und sinnstiftend.

23.03.2020 - Eintrag 5 

Mit der Demokratie ist es so eine Sache. Wenn man die Tage zu fünft zusammen in einer Wohnung verbringt, dann kann es schon einmal passieren, dass man die Ideale einer freiheitlichen Erziehung zumindest in Zweifel zieht, wenn nicht gar über den Haufen wirft. Ich lerne gerade, warum Diversität für Autokraten der reinste Horror ist. Mein Versuch der Gleichschaltung heute Morgen ist jedenfalls gründlich in die Hose gegangen.

Gestärkt von einem entspannten Wochenende und irgendwie beruhigt von dem einigermaßen glimpflichen Verlauf der ersten Woche zu Hause starten wir in den Montag. Die Lehrer haben übers Wochenende fleißig neue „Lernmaterialien“ und Wochenpläne verschickt und jeder hat zumindest eine grobe Ahnung davon, was der Tag so bringen wird. (Nun ja, fast jeder. Für die Kleine sieht die entspannte Frühstückssituation doch noch sehr nach Wochenende aus). Die empfohlene Strukturierung des Tages setzen wir so um, dass die Eltern versuchen, zumindest vor den Kindern aufzustehen und die Bagage dann so bald wie möglich um den Frühstückstisch zu versammeln, um dort gemeinsam den Startpunkt in den Arbeitstag festzulegen. Und da geht es schon los mit der Vielfalt: Es gibt bei uns die Schlafanzugfrühstücker und die Fertigangezogenfrühstücker, die Müsliesser und die Marmeladenbrotesser. Scheinbar kleine Unterschiede wirken sich schon auf den Zeitpunkt des Arbeitsbeginns aus. Zettel Sichten, Socken Suchen, Fächer Sortieren, Spülmaschine Einräumen, Zähne Nachputzen und Arbeitsrechner Hochfahren vermischten sich dadurch schon vor neun Uhr in einer eher ineffizienten Melange.

Das Homeoffice wird dann zuerst einmal zur Suche und Bereitstellung von Ersatz-Materialien missbraucht für das einzige Familienmitglied, das wirklich keine Verpflichtungen hat – und genau deswegen im Corona-Alltag unserer Familie regelmäßig zum Problem wird. Glücklicherweise findet man im Netz haufenweise Rätselspaß und Ausmalbilder für Vorschulkinder, mit welchen ich die Kleine dann zusammen mit der Zweitklässlerin an den abgeräumten Frühstückstisch setze. Zurück zum eigenen Rechner, erst einmal des Mailprogramm öffnen. „Mama, was muss ich da machen?“ „Mami, ich kann den ganzen Sechser vom Einmaleins nicht aufschreiben. Ich hab doch gar kein Matheheft!“. Kaum habe ich beide wieder auf der Spur, starte ich mit der Beantwortung der ersten E-Mails. Sehe jedoch aus den Augenwinkeln mit wachsender Beunruhigung, wie schnell die Kleine die bezifferten Punkte zu einem fertigen Bild verbindet und munter ein Blatt nach dem anderen zur Seite schiebt. Diametral dazu nimmt die Motivation der großen Schwester stetig ab. Meine Freude über die erste gesendete E-Mail des Tages teile ich mit beiden Mädchen, die inzwischen gemeinsam über den Vorschul-Rätseln sitzen.

Zeit für eine Pause. Aber psst! Denn es sitzen noch zwei Fünftklässler im Haus, die über ihren richtig knackigen Aufgaben sitzen und in ihrem unbändigen Lernwillen nur allzu gerne ausgebremst werden. Ich bin der Sache noch nicht ganz auf den Grund gegangen, aber das Problem an den unterschiedlichen Pausenzeiten in ein und demselben Haus ist, dass sich mit Voranschreiten des Tages die Gesamtzeit der Arbeitszeiten immer mehr zugunsten der Pausenzeiten verringert bis ein Punkt erreicht ist, wo der Rhythmus wieder synchron läuft: nämlich dann wenn alle Pause machen. Mit ein bisschen Glück erreichen wir diesen Punkt erst zur Mittagspause.

Der Nachmittag folgt demselben Schema. Der eine verpasst den Wiedereinstieg durch die relative Zeitverschiebung beim „Chillen“, die andere fängt hoch motiviert mit den Nachmittagsaufgaben an, der dritte verlegt erst einmal seinen Arbeitsplatz für einen Tapetenwechsel, das Homeoffice schließt (nun auch offiziell) und die Kleine entdeckt die Verkleidungskiste auf dem Dachboden. So wird das nichts, Kinder. Morgen gibt’s Müsli für alle!

18.03.2020 - Eintrag 4 

Es gibt ein schönes Schlaflied, das unsere Vierjährige zurzeit unglaublich gerne hört. Darin heißt es am Schluss: „Lasst die Sorg‘ bis morgen früh, Gott bewahrt die Erde“. Unsere kleine Tochter hat offenbar viel über diesen Text nachgedacht. Und wie das bei Kindern so ist, fallen ihr diese Zeilen in völlig abwegigen Situationen plötzlich ein und so entwickelte sich neulich in der morgendlichen Hektik der Kinderabfertigung (zu dem Zeitpunkt waren alle Einrichtungen noch geöffnet) folgendes Gespräch: „Mama, was ist eigentlich ‚Sorg‘?“ „Wenn man vor etwas Angst hat und es einem richtig auf dem Herzen lastet. Kennst du das? Hast du manchmal Sorgen?“ Wir verlassen als letzte das Haus und sie scheint ein bisschen in sich hineinzuhorchen. „Nein.“ Ich spüre meine Erleichterung.

Als großes Dilemma in der Erziehung der Kinder empfinde ich immer wieder die Gratwanderung zwischen Einbeziehen und Abschirmen. Ich finde schon, dass Kinder ein Recht auf die Wahrheit haben. Sie schnappen sowieso alles Mögliche auf. Am Telefon meinte die Kleine neulich auf die Frage, warum sie denn nicht in der Kita sei, völlig selbstverständlich und groß: „Na, wegen Corona.“ Sie spürt, dass die Erwachsenen diese Antwort sofort verstehen. Was sie sich selbst darunter vorstellt, bleibt unklar. Unsere Aufgabe als Eltern ist es, diese Informationsfetzen aus Schule, Radio oder Internet für die Kinder einzuordnen. Wenn ich jetzt beispielsweise mehr auf die Handhygiene achte, ist es mir wichtig, dass die Kinder verstehen, warum. Gleichzeitig habe ich einerseits nicht immer die Zeit, komplexe Angelegenheiten in Kindersprache zu übersetzen und sowieso als Mutter auch immer wieder das Bedürfnis, die Kinder vor der Grausamkeit der Welt zu beschützen.

Deswegen antworte ich ihr während wir losgehen: „Das ist gut. Ich finde, kleine Kinder sollten auch noch keine Sorgen haben.“ Der Bus kommt, wir steigen ein. Sie schaut aus dem Fenster und scheint mit den Gedanken schon wieder woanders zu sein. „Hast du denn Sorgen?“ fragt sie plötzlich gegen die Scheibe. „Ja, meine Süße. Ich habe schon ab und zu Sorgen,“ antworte ich und bin froh, dass sie nicht weiterfragt. Ich füge hinzu: „Aber ich glaube, in dem Lied geht es darum, dass wir diese Sorgen auch manchmal vergessen dürfen. Zum Beispiel, damit wir gut schlafen.“ „Ja, weil Gott bewacht ja unsere Herde, gell?“ „Genau.“ Ich versuche normalerweise in meinen Erklärungen, Gott aus dem Spiel zu lassen. Diesmal belasse ich es dabei. Wir sind an der Kita angekommen und tauchen in den Trubel ein. Außerdem muss ich los, zur Arbeit.

17.03.2020 - Eintrag 3 

Die Lehrerinnen und Lehrer wurden in den letzten Tagen nicht müde zu betonen, dass die kommende Zeit unter keinen Umständen als Ferien zu betrachten seien. Konsequent haben sie unseren Kindern für die kommenden Wochen quasi den Lehrplan kopiert und entsprechendes Lernmaterial, Aufgaben und Wochenpläne mitgegeben. Inklusive einer detaillierten Auflistung der Themen, die für die anstehenden Klassenarbeiten nach den Osterferien in den Köpfen der Kinder abrufbar sein müssen. Die Optimistin in mir bedankt sich bei der Lehrerschaft und freut sich über die psychologische Stütze für anstehende Diskussionen, was die Gestaltung der anstehenden Tage betrifft. Bei der Ökotest kann man sich auch ganz aktuell die drei ersten Regeln fürs Homeschooling zu Gemüte führen und ich bin hoch motiviert. Eine feste Struktur ist wichtig – klar. Und dass man sich gemeinsam (mit den Kindern?) abstimmt, das ist toll. Damit sie sich einbezogen fühlen.

Die Realistin in mir ist alarmiert. Mit dem Homeschooling sehe ich eine riesige Welle auf uns zurollen, die uns, die Nicht-Pädagogin und den quereingestiegenen Erwachsenenpädagogen, zu verschlingen droht. Die das Verhältnis zu unseren geliebten Kindern hart auf die Probe stellen und Seiten in uns zum Vorschein bringen wird, die wir nicht kennen oder kennen wollen. Es fängt mit dem Ruf nach Struktur an. Die Empfehlung der Ökotest lautet „dreimal 25 Minuten lernen plus fünf Minuten Pause ist ein bewährtes Modell“. Das klingt doch plausibel. Bei uns lief das heute Nachmittag so ab: ich saß mit meinem Zehnjährigen zusammen am Küchentisch – ich an meinem Heimarbeitsrechner, er an seiner Bildergeschichte für den Deutschunterricht – zu den fünf Minuten Pause kam es schon allein deswegen nicht, weil schon die ersten 25 Minuten in eine Art Dimensionsloch fielen. Sie waren einfach plötzlich verschwunden und wir wussten beide nicht so recht, wohin. Das Deutschheft war leer und selbst in meiner Präsentation, die ich gerade vorbereite, waren lediglich ein paar Textfelder verschoben. Für die zweiten 25 Minuten legte ich uns dann eine Tango-Musik auf, die er gerade sehr liebt und die mich an alte WG-Zeiten erinnert ... – nun ja, sehr viel effizienter wurden wir beide dadurch nicht. Aber die Laune besserte sich um ein Vielfaches. Die dritte Lernphase wurde dann größtenteils von einer Druckbleistift-Reparatur okkupiert. Aber klar, die Technik muss erst einmal sitzen ...

Der Artikel der Ökotest über das Homeschooling soll täglich aktualisiert werden. Ich bin schon gespannt.

15.03.2020 - Eintrag 2 

Vor ein paar Tagen beim Smalltalk auf dem Gang bei meiner Arbeitsstelle entrüstete sich eine Kollegin darüber, dass sie nun die für Ostern gebuchte Hütte in Südtirol stornieren musste. „Wenn die uns jetzt auch noch den Spanienurlaub für die Sommerferien streichen!“. „Geht doch stattdessen wandern auf der Schwäbischen Alb,“ versuche ich es augenzwinkernd. Da bekäme sie ihre halbwüchsigen Söhne niemals hin, ist sie sich sicher. Und wahrscheinlich hat sie recht. Unsere Achtjährige beschwert sich ja auch schon, dass alles was Spaß macht, nicht mehr geht. Dazu zählen für sie Hallenbäder, Konzerte, das Trampolin-Paradies Sprungbude - „Scheiß-Corona!“ Stattdessen gehen wir wandern. Auf der Schwäbischen Alb... Und versuchen auf matschigen Wegen zwischen sprießendem Bärlauch ein Gespräch über Konsum und Erwartungshaltungen in Gang zu bringen. Ein heikles Thema. Unsere Kinder müssen sich schon ohne Corona vergleichsweise viel mit diesen Dingen auseinandersetzen. Warum haben wir kein Auto? Keinen Fernseher? Wann können wir mal eine Flugreise machen? Und warum gibt es in den Kinderzimmern der anderen so viel mehr Spielsachen?

Kindern die Nachhaltigkeit im Alltag zu erklären oder gar schmackhaft zu machen, ist nicht einfach. Wir versuchen es mit Gesprächen. Die weder Angst machen, noch moralisierend wirken sollen. Wir versuchen es mit gutem Beispiel und guter Laune. Was manchmal klappt, oft aber auch nicht. Zum Beispiel wenn sich morgens an der Bushaltestelle bei 3 Grad Celsius und Nieselregen auf dem Weg zur Kita die Blechlawine an uns vorbeiwälzt. Was manchmal inkonsequent ist, wenn der Zehnjährige zum Auswärtsspiel immer wieder auf Mitfahrgelegenheiten angewiesen ist. Und was uns oft in Erklärungsnöte bringt, wenn wir unseren Kindern einen Spaß, der für andere selbstverständlich ist, eben nicht „gönnen“. Wir führen diese Gespräche trotzdem. Ich rechne nun damit, dass die Corona-Situation uns in der nächsten Zeit häufiger Anlass geben wird, diese Gespräche zu führen. Weil die Ausbreitung des Virus uns nämlich einen Spiegel vorsetzt. Und uns zwingt, unsere Gewohnheiten, unsere Erwartungen und den Irrsinn, der diesen manchmal innewohnt, einmal mehr zu hinterfragen. Und weil wir mehr Zeit miteinander haben werden, um diese Gespräche überhaupt zu führen. Über unsere Erfahrungen dabei möchte ich in den nächsten Tagen und Wochen schreiben.

14.03.2020 - Eintrag 1

“Och nöö!” Jetzt reicht es ihr! Voller Wut stürmt unsere Tochter die Treppe hoch. Die Konzertkarten für die Ein-Mann-Kinderband Bummelkasten waren ein Geschenk zum achten Geburtstag gewesen. Und jetzt fällt die Veranstaltung aus. Coronabedingt. Das mit dem Händewaschen ist inzwischen akzeptiert. Der Schulschließung sieht sie wie auch ihr großer Bruder eher frohgemut entgegen. Aber das??

Es ist der Anfang eines großen Experiments. Wir, das sind fünf Menschen zwischen 4 und 48 Jahren, die am Stadtrand von Stuttgart bislang ein ganz normales Leben führen. Aber was ist schon normal? Normal ist all das, was erst auffällt wenn es nicht mehr da ist. Das fängt mit der Ganztages-Schule und der Kita mit verlängerten Öffnungszeiten an. Es geht mit Instrumentalunterricht und Sportverein weiter und hört wahrscheinlich irgendwo bei den Wochenendunternehmungen auf. Und das soll jetzt alles plötzlich einfach ersatzlos gestrichen sein? Was fangen wir denn nur an? Wie funktioniert das Familienleben ohne die taktgebenden Verpflichtungen?

Wir haben Lust es auszuprobieren. Wir sind in der komfortablen Situation, dass wir uns nicht unmittelbar von Lohnausfällen oder Konkurs-Anmeldung konfrontiert sehen. Wir zählen alters- und gesundheitsbedingt zu keiner Risikogruppe. Und wir haben sogar einen Lehrer an Bord, der nun auch seine Schule nicht mehr besuchen wird. Die einzige Gefahr, die uns im Moment droht, ist die Konfrontation mit uns selbst. Für mich eine ausgesprochen unerwartete Gelegenheit, selbst über unser Leben nachzudenken und mit den Kindern gemeinsam Antworten auf Fragen zu finden, die wir uns zuvor nicht gestellt haben.


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