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MUTation 4 - Burnout von Mensch und Erde - Tagungsbuch

Burnout – das sozialverträgliche Wort für Depression – bezeichnet den Zustand von Menschen, die die Menge und Geschwindigkeit moderner Arbeit erschöpft hat. Wie im Hamsterrad sind sie gelaufen, ohne von der Stelle zu kom- men. Die Akkus sind leer, die persönlichen Ressourcen ver- braucht. Die Zahl der Krankheitstage aufgrund psychischer Erkrankungen hat in den letzten 20 Jahren ganz erheblich zu- genommen. Wenn man so will, ist das ein Zeichen der am eigenen Lebensstil leidenden Gesellschaft.

Auch die Erde ist erschöpft: der gemeinsame Konsum-Fuß- abdruck aller Menschen ist zu groß für einen Planeten, weil wir mehr Fläche brauchen als die Erde hat. Deshalb ist das, was jährlich in den Ökosystemen der Erde nachwächst, rein rechnerisch schon lange vor Silvester verbraucht. Der earth overshoot day zeigt dieses Verbrauchsdatum an. Heuer war es der 2. August. Die restlichen 151 Tage des Jahres zehren wir von der Substanz der Erde, verbrauchen und erschöpfen sie.

Es gibt viele Beispiele, die zeigen wie die gestresste Natur dem Menschen den Stress zurück beschert: die Wirbelstürme in der Karibik, die nicht nur materiellen Schaden, sondern auch unermessliches Leid bringen, die deutlich gestiegene Zahl der Waldbrände weltweit, die ausgedörrten Felder und vertrockneten Weiden des Südens, die Menschen zur Flucht zwingen oder der gestiegene Meeresspiegel, der Sturmfluten

an flachen Stränden gefährlicher und Küsten unbewohnbar macht.

Hinter all diesem Stress für Mensch und Erde steckt ein Ver- ursacher: der westliche Lebensstil. Er ist materialistisch, leis- tungs- und konsumorientiert und hinterlässt nach Innen eine große Leere und ver„zehr“ende Auswirkungen in der Natur um uns. Die Reaktionen der veränderten Natur treffen dann v.a. diejenigen, die kaum einen Anteil an diesem aggressiven Kon- sum haben. Das steigert die Frustration und die Bereitschaft zur Flucht aus den aussichtslosen Verhältnissen.

Es muss sich etwas ändern!, das wissen wir alle, seit Jahren. Denn aus abstrakten Prognosen von Wissenschaftlern werden Jahr für Jahr mehr und mehr reale Katastrophen. Der Titel die- ser Reihe steht für das, was notwendig ist: MUTation, Mut die Veränderungen endlich anzugehen. Doch was soll der/die Ein- zelne tun?

Victor Frankl, der die Shoah im Lager Auschwitz erlebte und überlebt hat, hat auch in der Katastrophe einen Sinn gefunden, der ihn trug: Es ist die Frage, „Welchen Beitrag leiste ich zum Wohlergehen der Menschheit?“ Wer sich diese Frage stellt, der hat für sich erkannt, dass der eigene Beitrag notwendig und wertvoll ist. Dann ist es egal an welcher Stelle im Räderwerk ich stehe, egal wie hoffnungslos es um mich aussieht. Wir können immer in diesem Sinne handeln und damit Sinnstiftung nach In- nen erfahren und Veränderung im Außen bewirken.

Das ist der gemeinsame Leitgedanke aller hier versammel- ten Exzerpte und Artikel. Sie sollen einführen in den Geist der Tagung „Burnout von Mensch und Erde“ in München-Trudering am 6.10.2017. Es sind Texte, die die Ideen der Referenten vor- stellen, aber auch weitere Beiträge, die gut in den Kontext des Themas passen. So ist an den Anfang des Heftes eine Zusam-

menfassung des Buches „100 Jahre Psychotherapie: und der Welt geht's immer schlechter“ gestellt. Der Text war ein wesent- licher Anstoß für die Tagung. Am Ende steht eine Rede von Klaus Töpfer, der im Frühjahr 2017 einen nachdenklichen Vor- trag zu dem hielt, was sich in in unserer Umwelt verändert und was wir tun können: uns aktiv in die die Zivilgesellschaft ein- bringen. Es ist die komprimierte Botschaft der Tagung. Denn dieses Heft möchte auch nach der Tagung noch gelesen und weitergegeben werden und so die Idee von der Verknüpfung von Ökologie und Psychologie weitertragen.

Eine solche Schrift herauszugeben erfordert großen Auf- wand. Besonderer Dank gebührt Dr. Andreas Meißner, der die Texte zusammengestellt und die Tagung angeregt hat. Seine Initiative war es, damit einen Kreuzungspunkt zwischen Psycho- und Öko-Szene zu schaffen, der für beide Seiten Anregung und Austausch ermöglichen soll.

Für das ansprechende Layout dieser Broschüre sei Herrn Gerd Rothe ganz herzlich gedankt.

Möge von der Tagung, aber auch von dieser Schrift, eine nachhaltige Wirkung ausgehen.

Freising, 11.9.2017

Joachim Hamberger
Verein für Nachhaltigkeit e.V.

MUTation 3 - Climate Engineering als Verantwortungsversprechen angesichts des Klimawandels-Eine ethische Analyse

Cliamte Engineering - Wolfgang Thoma

Noch klingt es nach Science-Fiction: Sonnenschilder, die das Sonnenlicht über der Erde reflektieren. Das Entstehen oder Auflösen lassen von Wolken. Die Zirkulation des Meerwassers beschleunigen oder mit Eisen düngen. Diese und weitere Methoden werden jedoch bereits erforscht, getestet und könnten Realität werden. Die ökologischen Folgen sowie die gesellschaftliche Steuerbarkeitjedoch sind jedoch ungewiss. Die Macht zu besitzen, aktiv in den Klimakreislauf einzuwirken bedeutet, eine neue Dimension der Verantwortung zu haben, der wir Menschen uns stellen müssen.

Einleitung

Vom 30. November bis zum 11. Dezember 2015 tagen die politischen Entscheidungsträgerinnen und -träger in Paris, um eine neue international geltende Vereinbarung zum Klimaschutz zu verabschieden. Es könnte die letzte Möglichkeit sein, den anthropogen verursachten Klimawandel durch verbindliche Vereinbarungen abzuschwächen. Verlautbarungen und Reden wichtiger Entscheidungsträger lassen dabei die Hoffnung aufkeimen, dass gemeinsame Regelungen gefunden werden können. Die zehn wärmsten Jahre, seit den ersten systematischen Aufzeichnungen von 1880, wurden zwischen 2000 und 2014 gemessen. NASA und NOAA haben das Jahr 2014 zum statistisch wärmsten Jahr erklärt.1 Hinzu kommt eine Zunahme des Wärmegehalts der Ozeane, des tropischen Pazifiks und des indischen Ozeans um circa 0,8 Grad Celsius. Diese signifikante Temperaturerhöhung ist auch auf das zyklisch auftretende Wetterphänomen "El Niño" zurückzuführen, dessen Schwankungen zuzunehmen scheinen. Dadurch verändert sich das Niederschlagsmuster. Hitzewellen bedrohen die Agrikultur lateinamerikanischer Länder, wie beispielsweise Brasilien. Seen trocknen aus, saisonale Wasserknappheit führt zu Lebensmittelknappheit bei Völkern in den Anden, die gleichzeitig durch schmelzende Gletscher bedroht werden. Zentralasien und die arabische Halbinsel erleiden das gleiche  Schicksal. Die Alpen bröckeln, die Deiche der Nordsee müssen erhöht werden. Auch die USA plagt eine seit 2011 andauernde Dürre regional unterschiedlicher Ausprägung und weitreichender Konsequenzen für Mensch und Natur.2,3 Zugleich gilt zu konstatieren, dass internationale Bestrebungen, gemeinsame Klimaziele festzulegen und auf nationaler Ebene ratifizieren zu lassen, bis heute gescheitert sind.

Sind wir tatsächlich gescheitert? Welche Optionen sind noch möglich, um einen drohenden Kollaps abzuwenden? Sind diese verantwortbar? Es war der Nobelpreisträger für Chemie, Paul Crutzen, der in seinem Aufsatz in der Zeitschrift Ambio4 eine Möglichkeit zur Kontrolle der Temperatur vorschlug und die Debatte zur gezielten Kontrolle des Klimas wiederaufleben ließ.5 Crutzen zufolge, sollten dabei Schwefeldioxidpartikel in die Atmosphäre transportiert werden um eine reflektierende und damit sonnenabweisende Schicht zwischen Erde und Sonne zu bilden. Seither hat die Anzahl der wissenschaftlichen Abhandlungen zum Thema gezielter Klimaeingriffe, insbesondere im naturwissenschaftlichen Forschungsbereich, stark zugenommen. Die Auseinandersetzung in den geisteswissenschaftlichen Fächern, insbesondere der Ethik dagegen ist gering. So fordert die Deutsche Forschungsgesellschaft (DFG) in einem Plädoyer, die ethischen Aspekte in den Diskurs miteinzubeziehen.6 Diesem Manko soll mit dieser Arbeit entgegnet werden.

Das Booklet können Sie gerne Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! bestellen.

MUTation 2 - Nachhalt-ICH

Nachhaltigkeit. Ein inflationär verwendeter Begriff, mit dem sich insbesondere Unternehmen schmücken wollen, um Kunden von ihrem Naturbewusstsein zu überzeugen. Zu überzeugen, dass ihre Produktion stets grün durchdacht wird, an grünen Tischen. Dem Konsumenten wird von Marketing-Strategen suggeriert, dass man ruhigen Gewissens sein kann, wenn man sogenannte nachhaltige Produkte kauft. Greenwashing nennen es die Skeptiker, Missbrauch die Zyniker.
Es steht jedenfalls eines fest: Nachhaltigkeit wird zu einem verwässerten Begriff, einem Begriff ohne Destillat, ohne Kern, der zudem, so wirkt es, zunächst, von oben, von Politik und Wirtschaft, bestimmt wird. Das ist entmutigend. Die Wirtschaft ist es auch, die Nachhaltigkeit zu einem problematischen und rückwärtsgewandten Begriff deklariert, denn es sei eine Gefahr für das unternehmerische und damit auch für das volkswirtschaftliche Wachstum, nachhaltend zu agieren, womit sie sich widersprechen.

Dieses Bild teilen wir im Verein für Nachhaltigkeit nicht.
Dem genuinen Ursprung folgend, wird Nachhaltigkeit bestimmt von einem Denken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – intergenerationell, vorsorgend, nachhaltend, wie es Hans Carl von Carlowitz nannte. Zwischen einem infiniten Wirtschaftswachstum und ethischer Verantwortung. Zwischen staatlicher, gesellschaftlicher und individueller Verantwortung. Nachhaltigkeit ist damit hochkomplex, vielschichtig und kaum in seiner Gänze erreichbar.
Der Staat kann nicht für alle Dysfunktionen in Haft genommen und als treibende Kraft der Veränderung erklärt werden. Manche Prozesse müssen von unten angestoßen werden (bottom-up-Prinzip). Dabei nimmt das Individuum einen essentiellen Teil der gesellschaftlichen und politischen Veränderung ein, indem es als Initiator und Motor wirkt, um das System zu verändern oder innerhalb dessen Nischen zu bilden.
Letzteres ist leichter geschrieben, als tatsächlich zu vollbringen, denn es müssen eingefahrene Verhaltensmuster und Paradigmen hinterfragt und verändert werden, sowohl auf globaler als auch auf individueller Ebene. Es sind mittel- und langfristige Prozesse und sie sind vor allem schmerzhaft, manchmal desillusionierend.

Wir brauchen eine neue Leitkultur, eine Leitkultur die die aristotelische μεσότης (mesotes), die Tugend des Maßhaltens als Grundlage innehat, in der jeder und jede Einzelne als Teil des großen Ganzen verantwortlich wirken kann. Die Menschen müssen befähigt werden, qua Bildung. Sie sollen den MUT haben, zu hinterfragen. Sie sollen den MUT haben Verantwortung zu übernehmen, Vorbild zu sein und sich bewusst sein, dass ihr Handeln im unmittelbaren Umfeld alleine schon wertvoll und nachhaltend sein kann. Und, man sollte sich nicht ent-MUT-igen lassen. Jeder und jede Einzelne muss den MUT haben, nachhalt-ich zu wirken, denn ohne ich gibt es kein wir.

Deshalb ist der zweite Band unserer Schriftenreihe MUTation der Nachhalt-ich-keit gewidmet, in dem unsere Mitglieder die Möglichkeit haben, Gedanken, Ideen, Potentiale und Bedenken zur Nachhaltigkeit aus ganz persönlicher Sicht zu äußern.
Es sind vielfältige, spannende und sehr persönliche Texte, die alle Dimensionen der Nachhaltigkeit aufzeigen.

MUTation 1 - Denkmal im Wald

MUTation 1 - Denkmal im Wald

Mutation, Zufallsereignis und zugleich Motor der Evolution. Mutation, die dauerhafte Veränderung von stabilen genetischen Merkmalen. MUTation, der Mut zur Veränderung von vermeintlich unverrückbaren, ökonomischen und
gesellschaftlichen Verhältnissen.
MUTation, damit überschreibt der Verein für Nachhaltigkeit e.V. seine Schriftreihe, deren erster Band vor Ihnen liegt. MUTation, weil Nachhaltigkeit eben kein rückwärtsgewandter Begriff ist, auch wenn er bereits vor 299 Jahren erstmals in einer sächsischen Waldbauanweisung niedergeschrieben wurde. Nachhaltigkeit ist ein Begriff, der in die Zukunft blickt, der den Auftrag beschreibt, die ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Ressourcen unserer Welt vorsorgend und wertschätzend zu behandeln. Und deshalb braucht Nachhaltigkeit Mut, Mut zum kritischen Hinterfragen unseres gewohnten Alltags, Mut zur Veränderung unserer Lebensstile, Mut, die Unsicherheit, die jeder Wandel mit sich bringt, auszuhalten.

Der Verein für Nachhaltigkeit e.V. stellt sich der Aufgabe, Mut zu machen. Er möchte provozieren, damit wir über den Begriff der Nachhaltigkeit aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln reflektieren. Er will aber auch zeigen, dass Wandel möglich ist, dass wir die Werkzeuge zum nachhaltigen Handeln bereits in den Händen halten. Der Berghauptmann Hans Carl von Carlowitz war einer von denen, die dies bereits vor mehreren Jahrhunderten beschrieben. Unser Auftrag ist es, das Prinzip der Nachhaltigkeit in unsere Zeit zu übersetzen und so den Wandel, die gesellschaftlichen und ökonomischen Veränderungen zu gestalten.
Wer nicht weiß, wo er herkommt, der weiß auch nicht, wo er hingeht, so beschreibt der Volksmund die Notwendigkeit zur Orientierung. Übertragen heißt dies: Wer die Zustände und ihre Geschichte nicht kennt, kann sie auch
nicht verändern. Er kann nicht unterscheiden zwischen dem, was erhaltenswert ist, und dem, was reformiert werden muss. Wo lässt sich in einer schnelllebigen Zeit, in der das, was heute modern ist, morgen schon veraltet sein wird, diese Lebenswahrheit früherer Generationen noch erleben? Im Wald!
Seine langfristigen Bewirtschaftungszeiträume von mehreren Jahrzehnten, oft auch Jahrhunderten, lassen uns heute das Ergebnis des Handelns von Generationen vor uns erleben. Entscheidungen, die Förster heute im Wald treffen, werden erst in Jahren wirklich sichtbar sein. Wald und Forst sind also nicht nur ein Ort, der uns zur Erholung einlädt, der Sauerstoff und Holz produziert, sondern auch Anschauungsobjekt für die langfristigen Konsequenzen menschlichen Wirtschaftens. Die ausdauernde Beharrlichkeit des Waldes konserviert darüber hinaus die Spuren, die Generationen vor uns im Boden hinterlassen haben: Grenzwälle, Keltenschanzen, Hohlwege und noch vieles mehr.