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MUTation 5 - Boden, Wald und Holz als unverzichtbare Ressource

Die vorliegende Publikation ist der fünfte Band der Reihe „MUTation“, mit der der Verein für Nachhaltigkeit Aspekte beleuchtet, die für das konzeptionelle und ethische Verständnis der Nachhaltigkeit sowie die Chancen und Hindernisse ihrer gesellschaftlichen Umsetzung von exemplarischer Bedeutung sind. Der Name der Reihe ist ein Sprachspiel, das die beiden Anliegen, die dem Verein zugrunde liegen, verbindet: MUTATION, Wandel, Transformation – ein tiefgehender Wandel unserer Gewohnheiten zu denken und zu handeln sowie unserer gesellschaftlichen Strukturen ist notwendig, wenn wir Zukunftsverantwortung ermöglichen wollen. MUT – es braucht eine wechselseitige Ermutigung, um Neues zu wagen und das nicht- nachhaltige Naturverhältnis, das unsere gesamte Lebens- und Wirtschaftsweise durchdringt, zu überwinden. 
 

Eine solche Ermutigung gelingt nur, wenn gelungene Beispiele für den notwendigen Wandel aufgezeigt werden. Dafür eignet sich die Wald- und Forstwirtschaft in besonderer Weise: Sie gilt als Erfinderin der Nachhaltigkeit. In der Regel wird dabei auf das Buch „Sylvicultura oeconomica“ verwiesen, das der sächsische Forstwirt und Wissenschaftler Carl von Carlowitz 1713 publiziert hat. Im vorliegenden Band zeigt Joachim Hamberger (der auch im Namen des Vereins für Nachhaltigkeit 2013 die erste kritische Edition der Schrift von Carlowitz herausgebracht hat), dass das Prinzip der Nachhaltigkeit sich bereits im 14. Jahrhundert in differenzierten Schutzregeln für die Wald- und Holzwirtschaft Nürnbergs findet. Hamberger bezeichnet die von Peter Stromer erlassenen Regeln für eine effiziente Forstverwaltung sowie eine sparsame Holzwirtschaft als „Urknall forstlicher Nachhaltigkeit“. Durch Rechtssetzung, Bildung, Tradition und Suffizienz etablierte der „Vor-Voraufklärer“ Kulturprinzipien der klugen Vorsorge, die wir heute unter dem Namen Nachhaltigkeit zusammenfassen. Stromer war Chef eines weltweit tätigen Handelshauses und hatte erkannt, dass der Schutz des Waldes eine entscheidende Grundlage ist für langfristige Wohlstandssicherung ist. 

Diese gilt heute in ganz neuen, globalen Dimensionen, wie Gerd Wegener, emeritierter Professor für Holzwissenschaft an der Technischen Universität München und – wie alle Autoren des vorliegenden Bandes – Mitglied im Verein für Nachhaltigkeit, in seinem Beitrag aufzeigt: Wald und Holz sind „unverzichtbare Ressourcen“, ohne deren Vielfalt an ökologischen, ökonomischen und sozialen Funktionen ein Überleben der wachsenden Menschheit nicht denkbar ist. Wegener untermauert seine These durch beeindruckende Zahlen: 80% der weltweiten fotosynthetisch aktiven Biomasse sind Wälder. Ohne diese würde den Menschen und Tieren bald „der Atem ausgehen“. Die Mehrheit der Weltbevölkerung ist auch im 21. Jahrhundert noch existenziell auf Brennholz angewiesen. Holz ist neben Beton und Stahl der mengenmäßig bedeutendste Baustoff. Darüber hinaus wird Holz gegenwärtig in der Bioökonomie neu als wichtigster Werkstoff entdeckt, wobei biochemische Innovationen helfen, fossile Rohstoffe zu ersetzen. Da die in den Sustainable Development Goals (SDGs) versprochene vollständige Substitution fossiler Energien nicht in dem für Klimaschutz nötigen Zeithorizont gelingen wird, können und sollten Wälder als Kohlenstoffsenken zu einem der „wichtigsten Elemente eines aktiven Klimaschutzes“ werden. Der Umbau des deutschen Waldes, um diesen angesichts des Klimawandels resilienter zu machen, hat längst begonnen: Der Anteil von Laubbäumen sowie von Tannen und Douglasien wächst kontinuierlich. 

Nicht nur die Erhaltung, Bewirtschaftung und Nutzung unserer Wälder hat eine Schüsselrolle in einer kinder- und enkel- tauglichen Gesellschaft, sondern in gleicher Weise auch der Boden. Boden trägt das Wachstum der Wälder, Wiesen und Felder. Er formt Landschaften und ist die Basis nachhaltiger Landeskultur. Unter dem Titel „Ohne Boden kein Leben“ formulieren Wolfgang Haber, Margarete Moulin, Gerhard Müller- Stark, Reinhard Pausch, Ulrich Sorg und Markus Vogt „Zehn Gebote des Bodenschutzes“. Sie fordern einen „Richtungswechsel im Umgang mit Boden“, den sie als nicht ersetzbare und hochempfindliche Haut des Planeten Erde bezeichnen. Dabei haben sie nicht nur die ökologischen und ökonomischen Funktionen des Bodens für Biodiversität, Nahrungserzeugung und die grundlegenden Stoffkreisläufe des Lebens im Blick, sondern ebenso die soziale und kulturelle Bedeutung des Bodens. Dieser prägt mit seiner regionalspezifischen Eigenart Landschaften und trägt so in der Wechselwirkung zwischen Natur- und Sozialräumen „zur Heimatbindung bei“. 

Eine Besonderheit des Bodentextes, der bei einem Workshop des Vereins für Nachhaltigkeit an der Ludwig-Maximilians- Universität entstand, ist, dass er nicht nur konkrete Postulate und Prioritäten von Boden- und Flächenschutz formuliert, sondern auch die jeweils primär verantwortlichen Akteure benennt. Landwirte, Kommunen und Politiker sind ebenso im Blick wie Verbraucher und nicht zuletzt Kirchen, Staat und Privatbesitzer als Eigentümer von Boden. Keiner kann sich herausreden, indem er darauf verweist, dass die Verantwortung vermeintlich bloß andere betrifft. In Anlehnung an die Stellungnahme der deutschen Bischöfe „Der bedrohte Boden“ (2016) wird als ethische Leitmaxime für den Bodenschutz das Prinzip der „Ökologiepflichtigkeit“ eingeführt. Dieses verdeutlicht, dass Gemeinwohl heute nicht ohne ein grundlegendes Umdenken im Umgang mit der Natur gesichert werden kann. 

Mut zur Veränderung (MUTation) ist eine not-wendende Tugend der Zukunftsverantwortung im 21. Jahrhundert. Mit der vorliegenden Schrift will der Verein für Nachhaltigkeit hierfür Denk- und Handlungsanstöße vermitteln. Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern die Erfahrung, dass sich ein solcher Wandel lohnt, nicht weil er leicht, bequem und schmerzlos wäre, sondern weil das Glück, Leben zu fördern und dabei Gleichgesinnte zu finden, mehr wiegt als jeder noch so üppige, aber von den Bedingungen der Natur entkoppelte Wohlstand. Boden, Wald und Holz sind unverzichtbare Ressourcen des Lebens. Ohne ihren Schutz gerät die Zivilisation auf „Holzwege“ und wird „bodenlos“. Ihre aktuelle Gefährdung ist nicht nur eine praktische Herausforderung, sondern auch Anlass, geistig, kulturell, ethisch, religiös und politisch neu die Einbindung des Menschen in die Kreisläufe des Lebens bewusst zu machen. Wenn die vorliegende Schrift zu „bodenständigem“ Denken beiträgt und die Erkenntnis fördert, dass Mensch und Mitgeschöpfe „aus dem gleichen Holz geschnitzt“ sind, hat sie ihren Zweck erfüllt. 

Für das ansprechende Layout dieser Broschüre sei Herrn Gerd Rothe ganz herzlich gedankt.

Markus Vogt
Verein für Nachhaltigkeit e.V.