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MUTation 2 - Nachhalt-ICH

Nachhaltigkeit. Ein inflationär verwendeter Begriff, mit dem sich insbesondere Unternehmen schmücken wollen, um Kunden von ihrem Naturbewusstsein zu überzeugen. Zu überzeugen, dass ihre Produktion stets grün durchdacht wird, an grünen Tischen. Dem Konsumenten wird von Marketing-Strategen suggeriert, dass man ruhigen Gewissens sein kann, wenn man sogenannte nachhaltige Produkte kauft. Greenwashing nennen es die Skeptiker, Missbrauch die Zyniker.
Es steht jedenfalls eines fest: Nachhaltigkeit wird zu einem verwässerten Begriff, einem Begriff ohne Destillat, ohne Kern, der zudem, so wirkt es, zunächst, von oben, von Politik und Wirtschaft, bestimmt wird. Das ist entmutigend. Die Wirtschaft ist es auch, die Nachhaltigkeit zu einem problematischen und rückwärtsgewandten Begriff deklariert, denn es sei eine Gefahr für das unternehmerische und damit auch für das volkswirtschaftliche Wachstum, nachhaltend zu agieren, womit sie sich widersprechen.

Dieses Bild teilen wir im Verein für Nachhaltigkeit nicht.
Dem genuinen Ursprung folgend, wird Nachhaltigkeit bestimmt von einem Denken zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – intergenerationell, vorsorgend, nachhaltend, wie es Hans Carl von Carlowitz nannte. Zwischen einem infiniten Wirtschaftswachstum und ethischer Verantwortung. Zwischen staatlicher, gesellschaftlicher und individueller Verantwortung. Nachhaltigkeit ist damit hochkomplex, vielschichtig und kaum in seiner Gänze erreichbar.
Der Staat kann nicht für alle Dysfunktionen in Haft genommen und als treibende Kraft der Veränderung erklärt werden. Manche Prozesse müssen von unten angestoßen werden (bottom-up-Prinzip). Dabei nimmt das Individuum einen essentiellen Teil der gesellschaftlichen und politischen Veränderung ein, indem es als Initiator und Motor wirkt, um das System zu verändern oder innerhalb dessen Nischen zu bilden.
Letzteres ist leichter geschrieben, als tatsächlich zu vollbringen, denn es müssen eingefahrene Verhaltensmuster und Paradigmen hinterfragt und verändert werden, sowohl auf globaler als auch auf individueller Ebene. Es sind mittel- und langfristige Prozesse und sie sind vor allem schmerzhaft, manchmal desillusionierend.

Wir brauchen eine neue Leitkultur, eine Leitkultur die die aristotelische μεσότης (mesotes), die Tugend des Maßhaltens als Grundlage innehat, in der jeder und jede Einzelne als Teil des großen Ganzen verantwortlich wirken kann. Die Menschen müssen befähigt werden, qua Bildung. Sie sollen den MUT haben, zu hinterfragen. Sie sollen den MUT haben Verantwortung zu übernehmen, Vorbild zu sein und sich bewusst sein, dass ihr Handeln im unmittelbaren Umfeld alleine schon wertvoll und nachhaltend sein kann. Und, man sollte sich nicht ent-MUT-igen lassen. Jeder und jede Einzelne muss den MUT haben, nachhalt-ich zu wirken, denn ohne ich gibt es kein wir.

Deshalb ist der zweite Band unserer Schriftenreihe MUTation der Nachhalt-ich-keit gewidmet, in dem unsere Mitglieder die Möglichkeit haben, Gedanken, Ideen, Potentiale und Bedenken zur Nachhaltigkeit aus ganz persönlicher Sicht zu äußern.
Es sind vielfältige, spannende und sehr persönliche Texte, die alle Dimensionen der Nachhaltigkeit aufzeigen.

Michael Besch (Universitätsprofessor) schildert zwei persönliche Erlebnisse, die die Schwierigkeit einer nachhaltigen Lebensweise aufzeigen. Sie weisen auf Hindernisse auf systemischer Ebene hin, die sich unmittelbar auf jeden Einzelnen auswirken können.

Herrmann R. Bolz (Autor), offeriert eine neue Perspektive im Diskurs der Nachhaltigkeit. Dabei bezieht Bolz sich auf Dawkins' Begriff des Mem, der rein anthropogenen Einheit der kulturellen Vererbung. Zentral muss der Menschheit sein, einen Erkenntnis- und Erfahrungsgewinn zu fordern und zu fördern, da sie einem steten Nichtwissen bezüglich ihrer Bestimmung unterliegt.

Wolfgang Biermayer (Forstbeamter), stellt heraus, dass es auch um Gerechtigkeit weltweit und intergenerationell geht. Nachhaltigkeit sei kein „Ökothema“ sondern ein umfassender Anspruch. Leidenschaftlich tritt er dafür ein, die Umweltprobleme nicht ins Ausland zu verlagern und hier ein Naturparadies zu schaffen, sondern durch nachhaltige Bewirtschaftung zu zeigen, wie Landnutzung vielfältige Ansprüche befriedigen kann.

Katharina Brändlein (Forstingeneurin), beschreibt, die Philosophie ihrer Natur- und Erlebnis-Agentur. Sie macht für Manager Nachhaltigkeit konkret erlebbar und vermittelt so urbanen Mneschen ein ganz anderes Bewusstsein vom verantwortlichen Umgang mit Ressourcen.

Joachim Hamberger (Wissenschaftler), beschreibt Nachhaltigkeit als ein intrinsisches Gefühl der Brutvorsorge, das in uns instinktiv angelegt ist. Als UN-Begriff „nachhaltige Entwicklung“ sei es zu Worten geronnen, die eine globale Leitkultur erfordern.

Karl von Körber (Leiter der Arbeitsgruppe Nachhaltige Ernährung) nähert sich aus dem Bereich der Ernährungswissenschaften. Die Nachhaltigkeits-Dimensionen Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft und Gesundheit werden um die Dimension der Kultur erweitert. Weitergehend, eröffnet Karl von Körber sieben Grundsätze für eine Nachhaltige Ernährung, in der der Mensch den essentiellen Faktor als bewusster Konsument einnimmt, um eine nachhaltige Produktionskette zu schaffen.

Alfred Müller (Ministerialdirektor a.D.) plädiert für eine Lebensweise, die getragen ist von einer durch Würde gelenkten Verantwortung langfristiger Art, in der verschiedene Herausforderungen unserer Welt in Einklang gebracht werden sollen und können. Dabei muss wohlüberlegt abgewogen werden, ein konstanter gemeinsamer Dialog gefördert und gefordert werden, der fernab ist von Dystopismus und Katastrophenangst, aber eine vernünftige Risikoabwägung vornimmt.

Bernhard Pahlmann (Jurist) reflektiert das nachhaltige Denken und Handeln aus der Sicht zweier Generationen. Einer Generation, in der Ressourcen-Knappheit und Erderwärmung keine bedeutsamen Themen waren und einer folgenden Generation, in der ebendiese Themen umso häufiger auf der politischen und gesellschaftlichen Agenda auftauchen.

Reinhard Pausch (Dozent in der Erwachsenenbildung) kritisiert eine zu einseitig geführte Debatte. Die Lösung der drängenden Energieprobleme soll mit Hilfe der Technologie überwunden werden, gleichwohl bewiesen ist, dass der Verbrauch vielmehr gestiegen ist. Daher braucht es eine Verankerung ethischer Kernthemen in der Gesellschaft, um einen mentalen turn zu schaffen.

Gerd Rothe (Freiberuflicher Grafik-Designer) beschreibt seine persönliche Sicht der Nachhaltigkeit und vergleicht die Erde mit einem geliehenen Raumschiff. Er gibt Anregungen zur Ressourcenschonung in der Werbebranche und teilt mit, welche ethischen Leitlinien seine Arbeit kennzeichnen.

Hildegard Rust (Ministerialrätin a.D. StMELF), nähert sich ebenfalls über die Nahrung dem Thema der Nachhaltigkeit. Sie fordert eine höhere Wertschätzung der Lebensmittel, in einer Zeit scheinbaren Überflusses. Lebensmittel dürfen nicht weggeworfen werden. Dies kann durch bewusste Planung, Disziplin und einer verantwortungsbewussten Haltung erreicht werden.

Eva Tendler (Dipl. Forstingenieurin) schildert die Schwierigkeit eines notwendigen Wohnwechsels für ihre Familie. Die Illusion, Nachhaltigkeit auch durch den entsprechenden Lebensraum, intensiv zu leben, wird aus verschiedenen Gründen recht schnell durch pragmatische Gründe unterbrochen.

Ernst Wermann (Minsterialdirigent a.D. BMELF), beschreibt anhand der ehrenamtlichen Tätigkeit der GRÜNEN DAMEN UND HERREN evangelischen und katholischen Krankenhaushilfe nicht nur, wie wichtig diese Menschen und ihre „Arbeit“ ist, sondern zeigt anhand ihrer Aussagen deren unbewusste nachhaltige und gesellschaftsfördernde Wirkung.

Die Texte zeigen das Engagement und die Gedankenfülle unserer Mitglieder. Wir danken allen Beteiligten und Gestaltern dieses neuen Bandes sehr.

Wir wollen mit dieser Veröffentlichung alle unsere Mitglieder ermutigen, ebenfalls und weiterhin Texte zum Thema Nachhaltigkeit zu verfassen. Diese können wir jederzeit auf die Website stellen und wenn wieder einige zusammengekommen sind, sie in einem weiteren Band veröffentlichen.

Wolfgang C. Thoma und Monika Arzberger