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Diskussionsbeitrag

Die Geschichte der Intermediate Technology Development Group

Barbara Wood erzählt in diesem Artikel, dass sich E. F. Schumacher durch die Zusammenarbeit und Auseinandersetzung mit William Beveridge, dem "Erfinder" des britischen Sozialstaats ("Beveridge Report"), von sozialistischen Werten und Ideen anstecken ließ und durch seine Arbeit an diesem Bericht dazu angeregt wurde, sich in die Lage der Armen und Unterprivilegierten zu versetzen. Hinweis: Barbara Wood ist die Tochter von E. F. Schumacher, daher spricht sie, wie in ihrer Familie üblich, von "Fritz". 

 

"Bei diesem Bestreben, sich in den Gemütszustand anderer Menschen zu versetzen, musste Fritz sich eingestehen, dass damit die Moral ins Spiel kam - was immer das auch bedeuten mochte. Mit der Zuziehung der Moral verließ er das Feld der klassischen Ökonomie. Zur Moral gehörten Begriffe wie "gut" und "schlecht", die er vorher ausgeklammert hatte. Wenn man ohne diese Begriffe über die Arbeit nachdenkt, fand er, kam man nicht weit genug. Wenn Arbeit tatsächlich ein Recht und ein Bedürfnis für Menschen ist, war Beveridge nicht weit genug gegangen, als er Vollbeschäftigung sichern wollte. Eine neue Tür hatte sich geöffnet. Durch den Türspalt schaute Fritz in eine neue Landschaft, in der die Werkzeuge der Ökonomie so benutzt werden mussten, "als käme es auf die Menschen an." 

Im Frühjahr 1959 schrieb Arthur Koestler für den Observer drei Artikel über Armut in Indien und die Bhoodan-Bewegung. Die Reaktion auf diese Artikel veranlasste David Astor [Herausgeber des Observer], ein Treffen der Leute zu organisieren, die sich daran interessiert zeigten, sich für die Bhoodan-Bewegung einzusetzen. …. Fritz war ebenfalls eingeladen, und zwar wegen seiner provozierenden Ansichten zur Wirtschaftshilfe für arme Länder im Fernen Osten. Er erklärte den Teilnehmern, warum der konventionelle Ansatz der Entwicklungshilfe – nämlich die Steigerung des Volkseinkommens – den Menschen in einem Land wie Indien nicht unbedingt helfen würde, sondern sie ärmer machen könnte, indem sie ihnen westliche [Konsum-]Ansprüche vermittelt. Er meinte, dass eine Bewegung wie Bhoodan das konventionelle Denken durchbrechen könnte, das davon ausgeht, dass Hilfe nur möglich sei, indem man große Projekte über Banken finanziert. 

 

Die britische Bhoodan Bewegung brachte nichts Wesentliches zustande, aber ihre Existenz war von großer Bedeutung für Fritz. Die wichtigste Folgewirkung der Besprechung im Büro von David Astor war für ihn die Verbindung mit Indien. Im November 1959 kam J. P. Narayan, ein sozialistischer Ghandischüler, den Fritz schon kennen gelernt hatte, wieder nach England. Einen Monat vorher hatte er die Veröffentlichung von Schumacher's Artikel "Ökonomie in einem buddhistischen Land" in Indien besorgt. … Er berichtete, dass der Artikel von vielen Indern mit Interesse aufgenommen worden war. Von da an fand sich Fritz mehr und mehr in einer Situation, in der er Indern, einschließlich Ghandi-Anhängern, die wirkliche Bedeutung von Ghandi's ökonomischem Denken erklärte, und in diesem Prozess kam er allmählich zu einem völlig neuen Verständnis der wirtschaftlichen Entwicklung. 

 

Im Januar 1961 flog Fritz zum ersten mal nach Indien. Es war seine erste Erfahrung einer realen, katastrophalen Armut. Er sprach mit Leidenschaft und Dringlichkeit und entwickelte all die Themen, die ihn in den letzten fünf oder mehr Jahren beschäftigt hatten. Er attackierte das westliche Modell des Wirtschaftswachstums, indem er darauf hinwies, dass es schon allein aus Gründen des Energieverbrauchs nicht möglich wäre, dass die ganze Welt das westliche Wohlstands- und Konsumniveau erreichte. Er griff Ökonomen wie Walt Rostow und sein Konzept des "take off into self-sustained growth" (das Anspringen eines sich selbst tragenden Wachstums) als irrelevant in Bezug auf die Realitäten eines Entwicklungslandes an. Erst nach seiner Rückkehr aus Indien tastete sich Fritz allmählich an die Ideen heran, die schließlich seiner Meinung nach die Lösung des Armutsproblems darstellen sollten. 

 

Seine zweite Reise nach Indien 1962 erwies sich als ein weiterer Wendepunkt in seinem Leben. Er bereiste den indischen Sub-Kontinent und erlebte Tag für Tag Situationen, die ihn mit Traurigkeit und Erstaunen erfüllten. Man zeigte ihm bescheidene ländliche Betriebe und High-Tech Entwicklungsprojekte, die in einem so extremen Gegensatz zu einander standen, dass ihm plötzlich ein großes Licht aufging. Er sah einen einfachen Töpfer oder Weber, der mit unglaublicher Geduld mit den armseligsten und oft ganz ungeeigneten Werkzeugen seine Arbeit machte, und dann besichtigte er eine Anlage mit modernster Technik, aus der in Massen die gleichen Produkte hervorquollen. In einer solchen Keramik Fabrik sprach er mit einem jungen Mann, der eine Maschine bediente. 'Was machst du, wenn du mit deiner Ausbildung fertig bist', fragte ihn Fritz. 'Willst du eine eigene Firma aufmachen?' Der junge Mann starrte ihn an. 'Wie sollte das möglich sein?' antwortete er. 'Ich werde in die Stadt ziehen und mir Arbeit suchen'. Und Fritz dachte an die tausenden von Menschen, die überall in den indischen Städten auf der Straße leben und alle auf derselben Suche sind. Keiner von ihnen würde je das Kapital haben, um seine Fertigkeiten um zusetzen. 

 

Dann kam alles zusammen: der massenhafte Bedarf an Arbeitsplätzen; das Verhältnis zwischen dem durchschnittlichen Jahreseinkommen pro Kopf und den Kosten eines neuen Arbeitsplatzes; die verheerende Auswirkung moderner Technologie auf das stagnierende Hinterland von Indien, wo die traditionelle Lebensweise nicht mehr ein gesundes Gewebe, sondern am Verfaulen, am Absterben und hoffnungslos war. Was wirklich gebraucht wurde, war eine Technik von einem höheren Niveau als die einfachen Methoden des ländlichen Hinterlands, produktiver als die traditionellen Werkzeuge, aber viel einfacher und weniger kapitalintensiv als moderne Technologien. 

 

Unverzüglich begann Fritz, dieses neue Konzept mit den indischen Planern zu diskutieren, zu deren Beratung er hauptsächlich diese Reise 1962 unternommen hatte. Die Ghandi-Anhänger unter ihnen erkannten sofort die Bedeutung seiner Ausführungen. Es wurden große Pläne gemacht, um Entwicklungsprojekte in ganz Indien in Gang zu bringen auf der Grundlage einer höher entwickelten Technik, mit deren Hilfe ungebildete Dorfbewohner Schritt für Schritt ihre Produktivität verbessern konnten. Fritz ging der Ruf voraus, dass er der sei, der Ghandi den Indern erklären kann. Er hatte Ghandi's Ideen aufgenommen und sie in einer praktischen, umfassenden Art formuliert, die ganz und gar den indischen Bedürfnissen zu entsprechen schien, und erzeugte damit Hoffnung und neue Energie für eine gigantische Aufgabe. 

 

Nachdem es Fritz nicht gelungen war, die Wissenschaftler an den Universitäten oder die Politiker zu überzeugen, wandte er sich an die Menschen. Wiederum spielte David Astor eine Rolle bei diesem Durchbruch. Er bat Fritz, einen Artikel über Mittlere Technologie für den Observer zu schreiben. Fritz gab ihm den Titel: "Wie man ihnen hilft, sich selbst zu helfen". Eines Sonntag morgens im August 1965 öffnete Fritz seinen Observer und fand seinen Artikel auf der Titelseite der Review Section [entspricht in etwa dem Feuilleton einer deutschen Zeitung]. Die Reaktion darauf war überwältigend. Die vielen Zuschriften zeigten Fritz, dass er eine Saite angeschlagen hatte in den Herzen vieler Menschen, denen die Armut in der Welt ein Anliegen war. Er sah, dass die Mächtigen und Einflussreichen nicht bereit waren, den Armen zu Hilfe zu kommen, aber dass die normalen Menschen es viel leicht waren. Nach zwei Versammlungen mit Leuten aus den verschiedensten Lebensbereichen wurde eine Gruppe mit einem Büro gegründet; jeder der Teilnehmer entrichtete einen Kostenbeitrag von fünf Pfund. 

 

Die Zielsetzung der Gruppe wurde zusammengefasst in einer Formulierung, die Fritz 1961 geprägt hatte: 'Finde heraus, was die Leute machen, und hilf ihnen, es besser zu machen.' Bald war ein weltweites Netz von Einzelpersonen und Projekten geschaffen, das ganz klar zeigte, dass es sowohl einen Bedarf an einer an die Bedürfnisse der Armen angepasste Technologie als auch diese Technologie gab. 

 

Die Geschichte der Intermediate Technology Development Group ist die Geschichte einer überwältigenden Reaktion auf eine gute Idee und zeigt, wie die Saat der Idee, wenn sie auf fruchtbaren Boden fällt, wächst und hundertfältige Frucht trägt. Einmal angestoßen, entwickelte die Gruppe ihr eigenes Leben, so dass heute ihr Problem darin besteht, dass sie unhandlich groß geworden ist. Ihre Gründung ermöglichte es Fritz endlich, einen seiner Weltverbesserungspläne umzusetzen und auf die Diskussion über das ungeheure Problem der Armut in der Welt Einfluss zu nehmen. Selbst Kaldor, einer seiner strengsten Kritiker, geht heute so weit, zu sagen, dass das Konzept der Mittleren Technologie einen Wert hat. 



Nachtrag der Redaktion

Die Intermediate Technology Development Group nennt sich heute Practical Action und ist unter folgendem Link erreichbar: https://practicalaction.org

  • Autor: Barbara Wood-Schumacher über E. F. Schumacher (Observer), Aus dem Englischen übertragen von Lothar Mayer

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