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Diskussionsbeitrag

Soil, Soul and Society

Boden, Seele und Gesellschaft als Trinität einer Öko-Philosophie

Viele historische Bewegungen in der Welt haben drei Schlüsselwörter, denen jeweils ein bestimmter Geist innewohnt. Während der Französischen Revolution, zum Beispiel, waren die wichtigsten Worte „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ und in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung finden wir die Worte "Leben, Freiheit und das Streben nach Glück". 

 

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ist eine sehr schöne Trinität, allerdings sehr mensch-bezogen: wie menschliche Freiheit, menschliche Brüderlichkeit, Gleichheit der Menschen. Ebenso bezieht sich die Erklärung der Unabhängigkeit in erster Linie auf das menschliche Leben. 

 

Freiheit bedeutet menschliche Freiheit und Glück ist das menschliche Glück. Diese Worte stellen eine anthropozentrische Weltsicht dar. Irgendwie sind wir zu der Auffassung gekommen, dass der Mensch der Mittelpunkt des Universums ist. Wir glauben, dass wir die wichtigste Art auf der Welt sind und alle anderen Lebewesen in unserem Dienst stehen. Dies ist eine sehr egozentrische Weltsicht. 

 

Dieses Weltbild hat jedoch seine Gültigkeit verloren. Vor allem, wenn wir erkennen, dass wir von anderen Arten überaus abhängig sind; wir sind nicht mehr die Herrscher der Welt, die tun und lassen können was sie wollen. In Wahrheit haben wir die Verantwortung für alles Lebendige, weil wir Teil und Mitglieder einer großen Weltgemeinschaft sind. 

 

Also benötigen wir eine neue Trinität, in der nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt steht. (Sogar die von der New-Age-Bewegung verkündete Trinität, sprich "Geist, Körper, Seele bezieht sich auf den menschlichen Geist, menschlichen Körper und menschliche Seele.) Wir brauchen dringend eine neue Trinität, die ganzheitlich und allumfassend ist, die den gesamten Planeten Erde mit einschließt und die menschliche Spezies nicht getrennt von allem sieht. Uns fehlt eine Philosophie, eine Wissenschaft, eine Religion und ein Rechtssystem, von denen alle Lebewesen profitieren können, nicht nur wir Menschen. 

 

Ich schlage deshalb eine neue Trinität vor. Als höchstes Gut dieser Dreieinigkeit steht das Wort "Erde" (soil), unser Boden, der die gesamte natürliche Welt umfasst. Ohne Boden gibt es keine Nahrung und ohne Nahrung gibt es kein Leben, keine Bäume, keine Wälder. Also ist der Boden die Basis für das Leben auf der Erde. 

 

Durch unsere eingeschränkte Mensch-zentrierte Weltsicht, unsere Bildungssysteme, unsere Wissenschaften und Technik sind wir zu der Auffassung gekommen, dass der Boden einfach Dreck und Schmutz sei. Boden sei Dreck. Aber Boden ist kein Dreck. 

Boden ist die Quelle des Lebens. 

Ohne Boden gibt es kein Leben.

Boden stellt somit die Grundlage für alles natürliche Leben dar und es ist eine Tatsache, dass wir in Zusammenhang mit und in Abhängigkeit von der Erde leben. Wir denken unser Essen kommt aus dem Supermarkt. In heutiger Zeit kümmern wir uns kaum noch um den Anbau von Lebensmitteln. Wenn jemand selbst seinen Acker bestellen muss, denken wir: "Oh armer Mann, Bauer, Arbeiter, er kann nicht sehr gebildet sein, sonst müsste er nicht selbst den Boden bearbeiten." Gebildete Leute haben das nicht mehr nötig, denn Bauer zu sein hätte keine Würde und wäre ein Zeichen von Rückständigkeit. Wir sitzen lieber am Computer und es stört uns nicht, dass unser Essen womöglich aus einem armen Land kommt. Wenn wir privilegiert, gebildet und reich sind, dann stellen wir Autos her, Fernseher oder Computer und andere Güter. 

 

Der Anbau von Nahrungsmitteln steht für Unterentwicklung. Das Wort "Bauer" selbst ist eine Beleidigung. Ich möchte das ändern. Ich möchte sagen, dass wir den Boden berühren müssen, wir müssen unsere Hände wieder mit dem Boden in Kontakt bringen. Wie oft berühren wir unser Handy jeden Tag? Vielleicht 100 mal? Wie oft berühren wir den Boden? So gut wie nie! Ich möchte, dass wir die Bauern hoch achten, schätzen und würdigen. Würde gebührt all denjenigen, die mit dem Boden arbeiten um Nahrung zu produzieren. Würde für die Landwirte und Gärtner. 

 

Wir haben vergessen, wie wichtig der Boden ist. Ja, wir Menschen sind auch wichtig, aber die menschliche Spezies ist nur eine von 7,8 Millionen Arten auf der Erde. Wir sind nicht die Könige und Herrscher dieser Welt. Wir sind kein Imperium und die Erde ist keine menschliche Kolonie. Im Moment verhalten wir uns aber so und meinen, wir könnten tun und lassen was wir wollten. Wir können die globale Erwärmung verursachen, können das Klima verändern, können Bodenerosion verursachen, können die Regenwälder abholzen, können die Ozeane überfischen und können mit Gentechnik Samen manipulieren. Diese Haltung muss sich ändern. 

 

Deshalb habe ich den Boden an den Anfang gestellt. Wir sind alle Teil dieses gesunden Lebensnetzes, das durch den Boden gehalten wird. Dies macht uns demütig, und Mensch zu sein, bedeutet demütig zu sein. Das lateinische Wort Humus bedeutet Boden. „Humid“ (feucht), „human“ (menschlich), „humility“ (Demut). All diese Worte haben die gleiche Wurzel. Der Boden ist so fruchtbar, reich und ergiebig, dennoch fast unscheinbar und bescheiden. Wenn Menschen die Demut verlieren, fehlt ihnen das Menschliche. 

 

Einst saß Buddha in Meditation, die rechte Hand über die Innenfläche der linken Hand gelegt, da kam jemand zu ihm und fragte: "Lord Buddha, Sie lehren Mitgefühl, Vergebung, Liebe und Geduld - woher haben Sie all diese wundervollen Eigenschaften? Wer ist Euer Lehrer?" Der Buddha hob seine rechte Hand in der bhu mi'spara Mudra Haltung, was so viel bedeutet wie "die Erde berühren". Mit dem Finger deutete er in Richtung Boden und antwortete: "Ich habe Vergebung, Mitgefühl, Freundschaft, Güte und all die wunderbaren Eigenschaften der Liebe, Schönheit, Einheit und Großzügigkeit von Mutter Erde gelernt und erfahren. Weißt du, wo Buddha erleuchtet wurde? Sitzend unter einem Bodhi Baum. Meine Mutter pflegte zu sagen, dass der Buddha nur Erleuchtung bekam, weil er unter einem Baum saß!

 

 Ein Baum hat einen ureigenen Wert. Das heißt, ein Baum ist gut und nützlich, nicht weil er uns Nahrung, Holz, Schatten oder ästhetische Freude gibt. Nein, der Baum ist gut an und für sich, auch wenn niemand zu ihm aufschaut und ihn bewundert, auch wenn nie jemand sagen würde: "Wow, schau diese schönen Kirschblüten!" Auch wenn nie jemand ihn sehen würde, der Baum blüht trotzdem. Dies ist die göttliche Gnade, die sich auf unserer Erde in allen Bäumen, Tieren, Pflanzen, Felsen, Bergen, Flüssen, Würmern, Schmetterlingen, Honigbienen offenbart. Alle Geschöpfe dieser Erde haben einen eigenen Wert. Sie haben das Recht zu sein, wie sie sind, wer sie sind, was sie sind. Wir sprechen von Menschenrechten und das ist in Ordnung. Aber die Natur hat auch Rechte. 

 

Die Bäume haben ein Existenzrecht. Wir haben kein Recht, sie grundlos zu fällen. Wenn wir dies verstanden haben, wenn wir das Daseinsrecht der Bäume anerkennen, sowie das der ganzen Natur, dann sind wir wirkliche Ökologen und haben die Bedeutung des Wortes "Boden" verstanden. 

 

Das zweite Wort in meiner neuen Trinität ist "Seele", die (im Englischen Soul) ähnlich wie "Boden" (Soil) klingt. Die Seele ist etwas, was wir nicht sehen können. Den menschlichen Körper können wir anfassen, umarmen, küssen und bewundern, um meine Seele zu berühren muss ich meine Augen schließen, aber sehen kann ich sie nicht. 

 

Bäume, Tiere, Würmer und Menschen, alle haben eine Seele. Der Boden stellt unsere äußere Umgebung und die Seele den inneren Kern dar. 

 

Wir müssen auf unsere Seele achten, genau so, wie wir auf unseren Körper achten. Aber sich seiner Seele bewusst zu werden gelingt nur, wenn wir zur Ruhe kommen. Kein Computer. Kein Auto. Kein Konsum. Setze Dich in ein einfach möbliertes, aber elegantes Zimmer - vielleicht mit einem Blumenstrauß geschmückt und trinke Tee: ohne jegliche Ablenkung und ohne Lärm, kein Handy. Nimm Dir Zeit für Dich. Meditiere über die Tatsache, dass Du die Gesamtheit des Universums darstellst. Es gibt nichts im Universum, das nicht in uns allen ist und es gibt nichts in Dir, was nicht im Universum ist. Das Universum ist der Makrokosmos und wir sind der Mikrokosmos. Wir sind Erde, Luft, Feuer, Wasser, Phantasie, Kreativität, Bewusstsein, Zeit und Raum - wir haben das alles in den Genen und in den Zellen. Wir sind Milliarden von Jahren alt. Wir wurden recycelt und recycelt, wieder und wieder. Wir alle sind ein schönes Beispiel für das gesamte Recycling-Prinzip des Universums. 

 

Also, wenn Du Dich um das Universum kümmern möchtest, beginne bei Dir selbst. Durch die Achtsamkeit für die Seele, nimmst du dich selbst wahr. Meditation ist der Weg zur Selbsterkenntnis, wie auch die Arbeit im Garten. Bedachtsame Gartenarbeit ist wie eine Meditation. Auch bei achtsamem Kochen ist das wie eine Meditation, denn wir kochen nicht nur um uns und unsere Familie zu ernähren, sondern um uns selbst wahrzunehmen, uns zu achten, uns dabei wohl zu fühlen und mit sich selbst zufrieden, glücklich und gelassen zu sein – in Demut und Dankbarkeit. Wer immer ich bin, ich bin. Das ist die Selbsterkenntnis, die uns zufrieden und glücklich macht. Alles, was wir wirklich brauchen und wollen, ist in uns. Wir sind in der Lage jedes Problem der Welt mit innerer Weisheit zu lösen. Weisheit ist eine Qualität der Seele, ebenso wie Großzügigkeit, Liebe und Freundschaft, Zusammengehörigkeit und Schönheit. 

 

Du wirst entdecken, dass alles, was du brauchst hier ist: Luft, Feuer, Nahrung, Wasser, Bäume, Erde, Sonne und Himmel. Was brauchst Du mehr? Wenn wir nach mehr Besitz und unsinnigem Zeug streben, dann haben wir den Kontakt zu unserer Seele verloren. Das ist der Grund, warum die Seele hungrig und Sinn entleert ist. Die Leere kann aber nicht durch Computer, Autos oder Handys ersetzt werden. Inne halten und die Seele pflegen ist wichtig, denn ohne eine glückliche Seele sind wir die Ärmsten der Armen. 

 

Spirituelle Armut ist die größte Armut, größer als jede physische Armut. Und in dem Maße, wie Du auf Deinen Körper und Seele achtest, wirst Du auch in Achtsamkeit mit unserer Erde und dem Boden umgehen. Der äußere Körper ist der Boden, und euer inneres Wesen ist die Seele. Wenn ihr also auf beides achtet, erreicht ihr Selbsterkenntnis und Wohlbefinden im Dienst und im Einklang mit der uns umgebenden Natur. 

 

In Achtsamkeit für unsere Seele zu leben hat nichts mit unserem Ego zu tun. Deshalb haben wir den dritten Begriff unserer Trinität hinzugefügt und zwar: "Gemeinschaft" - Society. Zuerst und vor allem sind wir Mitglieder der Erd- und Weltgemeinschaft. Dann sind wir Mitglieder einer menschlichen und sozialen Gesellschaft. 

 

Einst war ich zu Fuß von Indien bis nach Amerika ohne jeden Pfennig Geld unterwegs. Als ich die Grenze zwischen Indien und Pakistan er reichte, wo 3 Kriege tobten, traf ich auf 35 Freunde, die mich verabschieden wollten. Eine von ihnen bat mich: “bitte nimm doch wenigstens etwas zu essen mit!“ Worauf ich antwortete: „Vielen Dank, nein danke. Ich bin für Frieden unterwegs und Frieden beginnt mit Vertrauen. Diese Nahrungspakete sind keine Nahrung, sondern Bündel von Misstrauen. Wie sollte ich meinen pakistanischen Gastgebern gegenübertreten? Dass ich ihnen nicht vertraue, mich zu ernähren??“ 

 

Meine Freundin fing an zu weinen und ich fragte sie, „warum weinst du, meine Freundin?“ Sie antwortete: „Satish, dies könnte unsere letzte Begegnung sein. Vielleicht sehe ich Dich nie wieder! Du gehst in muslimische, in christliche, kapitalistische und kommunistische Länder, über Berge, durch Urwälder, Wüsten, Schnee, ohne Geld, ohne Nahrung – und nur zu Fuß. Wie kannst Du da überleben?“ 

 

In diesem Moment antwortete ich ihr: „Meine liebe Freundin, ab heute fürchte ich mich nicht vor dem Tod. Wenn ich auf meinem Weg für Frieden sterbe, dann ist das die beste Art von Tod, die ich mir wünschen kann. Ich habe keine Angst vor Hunger. Wenn ich nichts zu essen bekommen sollte, dann nehme ich dies als Möglichkeit zu fasten hin. 

 

Also ging ich nach Pakistan und zu meinem Erstaunen erwartete mich jemand auf der anderen Seite der Grenze. Er fragte: „Sind Sie der Mann, der nach Pakistan für den Frieden kommt?“ Ich war überrascht: „Woher wissen Sie das?“ Er antwortete: „Ich habe über Sie gelesen und dachte mir, wenn Sie für den Frieden kommen, dann sollte ich Sie herzlich willkommen heißen. Dieser Krieg zwischen Indien und Pakistan ist so unsinnig.“ 

 

In diesem Moment erkannte ich die Einheit der menschlichen Gemeinschaft. Allerdings, wenn wir als Inder kommen dann treffen wir Pakistanis. Wenn wir als Hindu kommen dann treffen wir Muslime. Aber wenn wir als Mensch kommen, dann treffen wir Menschen. Auf diese Weise konnte ich mich über meine eigene Identität hinwegsetzen und fühlte mich stattdessen zugehörig und als Teil einer großen menschlichen Gemeinschaft. 

 

Mahatma Gandhi sagte, dass es genug in der Welt für jedermanns Bedarf gibt, aber nicht genug für jedermanns Gier. 

 

Gegenwärtig sind 1% der Bevölkerung gierig, während 99% leiden. Diese 1% streben nach der Supermacht. Aber wir müssen die ganze Weltbevölkerung umarmend mit einschließen. Wir müssen alle sozialen Probleme der Armut und der Kriege mit viel Innovation, Phantasie und Kreativität lösen und durch Vergebung. Wie viel kannst du geben? Wie viel kannst du nehmen? Es ist möglich, alle Probleme durch Verhandlungen, mit Freundschaft und durch Nachgeben zu lösen, was bedeutet: Loslassen vom Ego und hinwenden zum Öko. Öko bedeutet „Haus“ und „Beziehungen“. Lassen Sie uns den Wandel vom Ego zum Öko vollziehen, vom Eigeninteresse hin zu einem gegenseitigen Verständnis und Teilhabe an der gesamten menschlichen Gemeinschaft. 

 

Wenn wir eine ganzheitliche Sichtweise von Boden, Seele und Gemeinschaft haben und wenn wir die gegenseitige Abhängigkeit aller Lebewesen verstehen und begreifen, dass von den Bäumen bis zu den kleinsten Lebewesen und hin zu den Menschen alle voneinander abhängig sind, dann können wir in Harmonie mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit der uns umgebenden Natur leben. 

  • Autor: Satish Kumar

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