Diskussionsbeitrag
Nachhaltig Wirtschaften und der Risikofaktor Mensch
Vom Elend der Wirtschaftswissenschaften
Aus Perspektive der Erfahrungswissenschaften taugen die aktuellen wirtschaftswissenschaftlichen Ansätze nicht für ein Zeitalter der Nachhaltigkeit und des friedlichen Zusammenlebens.
Vorwort
Dieser Beitrag soll eine Grundlage für weitere Gespräche, Diskussionen und Workshops sein. Die Entfaltung der menschlichen Zivilisation wird begleitet von Zusammenbrüchen. Auffälligerweise sind davon gerade die Zivilisationen betroffen, die zu ihrer Zeit und in ihrer Region als die am höchsten entwickelten gelten. Der Untergang der sumerischen Zivilisation (Irak), der Indus-Zivilisation (Pakistan/Indien), der Khmer-Zivilisation (Südostasien), des altägyptischen Reichs, der Axum Zivilisation (Äthiopien), der griechischen und römischen Zivilisation, der Caral- und Moche Zivilisation (Peru), der Maya-Zivilisation (Mittelamerika), der Anasazi-Zivilisation (Südwest USA) und der polynesischen Zivilisation auf der Osterinsel (Südpazifik) sind beredte Beispiele dafür.
Archäologische und historische Befunde zeigen, dass Zivilisationen auf vergleichbarem Entwicklungsniveau ihren Lebensraum in vergleichbarer Weise degradiert haben, obwohl sie unterschiedliche Religionen und Vorstellungen von der Stellung des Menschen in der Natur besaßen. Für den Umfang, in dem sie ihren Lebensraum degradierten, scheinen die ökologischen Eigenschaften des Lebensraums, der jeweilige technische Entwicklungsstand, das Bevölkerungswachstum, die Bevölkerungsdichte und die Art der Organisation der Gesellschaft entscheidend gewesen zu sein. Das legt nahe, die Ursachen für dieses Verhalten in der Psychostruktur der Menschen zu suchen.
Es gelang den Menschen bisher weder Art und den Umfang der Eingriffe in die ökologischen Prozesse so vorzunehmen, dass sie ihrem jeweiligen Kenntnisstand über die Folgen, die sich daraus für ihren Lebensraum ergeben, entsprachen, noch ihre Gesellschaft so zu entwickeln, dass die Psychostruktur der einzelnen Mitglieder nicht immer stärker überfordert wurde. Der zeitliche, räumliche und soziale Horizont, der die Alltagsentscheidungen der Menschen leitete, war gemessen an den Auswirkungen ihres Handelns zu eng. Dem Detailwissen der Menschen und den daraus abgeleiteten technischen Fähigkeiten stand kein angemessenes Systemverständnis gegenüber. Das führte sowohl zu Über- und Fehlnutzung des Lebensraums als auch zu sozialen Verwerfungen, die unsägliches menschliches Leid mit sich brachten. In Kombination mit Klimaschwankungen wurde dieses Fehlverhalten den vergangenen Zivilisationen zum Verhängnis.
Leider sieht es so aus, als hätten wir nichts daraus gelernt und seien auf dem besten Wege dazu, es diesen Zivilisationen nachzumachen. Unsere Wirtschaftsweise und der Zustand der Wirtschaftswissenschaften lassen keine große Hoffnung aufkeimen. In Rio hat die Weltgemeinschaft 1992 beschlossen, eine nachhaltige Wirtschaftsweise zu entwickeln. Wie sehen die Beiträge der Wirtschaftswissenschaften dazu aus? Welche Antworten geben die Wirtschaftswissenschaften auf folgende Fragen?
- Wie sollte Wirtschaften aussehen, wenn nachhaltige Landnutzung ein Ziel ist?
- Wie sollte Wirtschaften aussehen, wenn Erhaltung der Biodiversität ein Ziel ist?
- Wie sollte Wirtschaften im Lichte des heutigen Kenntnisstandes über die Psychostruktur der Menschen aussehen?
- Wie sollte Wirtschaften unter Berücksichtigung der haushohen Überlegenheit der Menschen gegenüber den anderen Lebewesen aussehen?
- Wie sollte Wirtschaften unter Berücksichtigung unseres Nichtwissens aussehen?
Trotz der Beschlüsse von Rio und der Erkenntnisse der Erfahrungswissenschaften sieht die große Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler bis heute keinen Anlass, die Grundlagen ihrer Disziplin kritisch zu überprüfen.
Welcher Rahmenbedingungen ein Markt bedarf, wenn er eine nachhaltige Entwicklung fördern soll, dafür bieten die Wirtschaftswissenschaften keine tauglichen Konzepte an. Mit dem Konzept der Internalisierung externer Effekte ist dem Problem nicht beizukommen, weil es kein brauchbares Verfahren gibt, wie Eingriffe in ökologische Prozesse monetär so bewertet werden können, dass daraus ein Mechanismus in Richtung ökologischer Nachhaltigkeit erwächst. In vielen Publikationen, die sich von wirtschaftswissenschaftlicher Seite mit der ökologischen Nachhaltigkeit befassen, spielt der Begriff Naturkapital eine zentrale Rolle. Für ökologisch nachhaltig wird eine Wirtschaft gehalten, die das Naturkapital nicht angreift und nur von den “Zinsen” lebt. Dabei umfasst das Naturkapital einmal alle geologischen Ressourcen und die Leistungsfähigkeit aller nichtmenschlichen Lebewesen, ein anderes Mal nur den zweiten Teil. Vergeblich sucht man nach Angaben, wie das Naturkapital in ökologisch sinnvoller Weise ermittelt werden soll. Es handelt sich bisher nur um abstrakte Denkmodelle, die den Nachweis einer praktischen Relevanz schuldig bleiben. Dennoch gibt es Kontroversen darüber, ob Naturkapital durch Leistungen des vom Menschen geschaffenen Kapitals ersetzt werden kann. Die das verneinen, werden als Anhänger der so genannten starken Nachhaltigkeit bezeichnet, die das bejahen, als Anhänger der schwachen Nachhaltigkeit - aus erfahrungswissenschaftlicher Sicht eine Phantomdiskussion.
Nur in einer winzigen Nische der Wirtschaftswissenschaften wird versucht, die Vorgänge in der Wirtschaft so zu beschreiben, dass sie mit ökologischen Vorgängen vergleichbar werden. Diese Bemühungen laufen unter den Begriffen industrieller Metabolismus oder ökologischer Industrialismus.
Das Streben nach einer nachhaltigen Wirtschaftsweise, die das Vorsorgeprinzip in den Vordergrund schiebt, erfordert viel weitere räumliche, zeitliche und soziale Horizonte als den heutigen Wirtschaftstheorien zugrunde liegen. Ein Markt ohne Rahmenbedingungen, die die notwendige Vorsicht und Weitsicht erzwingen, entwickelt sich zu einem Hasardspiel. Gentechnisch veränderte Organismen sollten erst dann ins Freiland entlassen und auf einem Markt auftreten dürfen, wenn die Frage geklärt ist, wie viel man über die Funktionsweise des Genoms und der Ökosysteme wissen muss, um vor bösen Überraschungen weitestgehend gefeit zu sein. Bei unserer Nahrungsmittelproduktion geht es darum, wie eine ökologisch nachhaltige Landnutzung möglichst kostengünstig erreicht werden kann und nicht darum, wie Nahrungsmittel möglichst billig produziert werden können. Diese Einsichten scheinen noch nicht bis in die Köpfe neoklassischer Wirtschaftswissenschaftler vorgedrungen zu sein. Im Laufe der Evolution haben sich die Lebewesen zu einer äußerst komplexen Kreislaufwirtschaft organisiert. Jedes menschliche Wirtschaftssystem, das nachhaltig sein soll, muss sich nahtlos in diese Kreislaufwirtschaft integrieren. Dafür bietet die vorherrschende neoklassische Wirtschaftstheorie keine tauglichen Konzepte an.
Homo oeconomicus aus Sicht der Erfahrungswissenschaften
Immer noch wird der Mensch als Homo oeconomicus gesehen, der sich gemäß der Modelle der Spieltheorie verhält. Auch die Konsumentensouveränität wird nicht in Frage gestellt, weil die Erkenntnisse der Erfahrungswissenschaften über die menschlichen Konstruktionsschwächen ignoriert werden. Menschliches Handeln wird in vormodernen wie in modernen Gesellschaften angetrieben durch vorprogrammierte Neigungen. Die Art und Weise, wie diese Neigungen befriedigt werden, ergibt sich aus den jeweiligen Rahmenbedingungen und den daraus erwachsenden Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen. Der Zusammenbruch der Hochkulturen weist darauf hin, dass die etablierten Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Entwicklung ungeeignet waren, weil sie nicht zu gesellschaftlichen Belohnungs- und Bestrafungsmechanismen führten, die in der Lage waren, die „Konstruktionsschwächen“ der menschlichen Individuen, die im Laufe des zivilisatorischen Entfaltungsprozesses zu Tage traten, zu kompensieren.
Die Erfahrungswissenschaften kennen viele menschliche Verhaltenstendenzen, die einer nachhaltigen Wirtschaftsweise hinderlich sind:
- Schleichende Veränderungen entgehen weitgehend unserer Wahrnehmung und werden uns deshalb kaum bewusst.
- Wir neigen dazu, Informationen, die nicht in unser Weltbild passen, zu ignorieren oder zumindest mit ihnen weit kritischer umzugehen als mit solchen, die unserem Weltbild entsprechen.
- Aktuelle Vorteile und die Rückmeldungen aus dem Nahbereich haben dominanten Einfluss auf unser Alltagsverhalten.
- Unsere Alltagsentscheidungen stützen sich auf unsere spontan aktualisierbaren Gedächtnisinhalte.
- Zu nichtlinearen Vorgängen haben wir keinen intuitiven Zugang.
- Wir schenken unserem gesellschaftlichen Umfeld weit mehr Aufmerksamkeit als unserem ökologischen, weil das gesellschaftliche Umfeld sehr viel schneller auf unser Verhalten reagiert, uns viel prompter belohnt oder bestraft als das ökologische.
- Naturkenntnis und Naturverbundenheit einer Person bestimmen kaum, wie umweltverträglich ihr aktuelles Verhalten ist. Dafür entscheidend sind die von den Gesetzen und internationalen Verträgen (z. B. EU, WTO) geschaffenen Rahmenbedingungen, weil sie bestimmen, welches Verhalten einer Person ökonomisch und sozial belohnt oder bestraft wird. Benachteiligen die Rahmenbedingungen umweltverträgliches Verhalten, so wird dieser Umstand die meisten Menschen daran hindern, sich gemäß ihrer Naturkenntnis und Naturverbundenheit zu verhalten, zumal sie erkennen können, dass ihre individuelle Lebenspraxis keinen nennenswerten Beitrag zum Schutz der Natur leisten kann.
- Beeinflussen sich mehrere Vorgänge gegenseitig, dann können wir ihnen gedanklich nur noch unter Einsatz externer Hilfsmittel (z.B. Computer) folgen. Man kann auch sagen, unsere Fähigkeit zu vernetztem Denken ist ohne externe Hilfsmittel gering, weshalb es uns schwer fällt, Neben- und Fernwirkungen unseres Verhaltens angemessen zu berücksichtigen.
- Was wir positiv oder negativ bewerten, wird bis zur Pubertät durch die Erfahrungen, die wir im Nahbereich machen, weitgehend unbewusst so festgelegt, dass spätere, kognitive Einsichten daran nur noch wenig ändern können. Traumatische Erlebnisse oder selbstverordnete, systematische Konditionierungsvorgänge führen bei Erwachsenen noch am ehesten zu Änderungen der praktizierten Werthaltung.
- Wir versuchen unsere Ziele mit möglichst geringem, eigenem Aufwand zu erreichen, deshalb neigen wir dazu, Probleme auf andere abzuwälzen (etwa auf zukünftige Generationen).
- In sozialen Gemeinschaften, die so viele Menschen umfassen, dass nicht mehr jeder jeden persönlich kennen kann, gewinnen Äußerlichkeiten an Bedeutung. Sie helfen unbekannte Menschen oder Menschengruppen schneller einzuordnen. Damit bekommen Aussehen, Kleidung, Wohnung und technische Hilfsmittel zusätzliche Funktionen. Sie können helfen, Aufmerksamkeit, Ansehen und Anerkennung zu erzielen. Daraus entsteht eine endlose Bedürfnisspirale, der sich der einzelne Mensch nur schwer entziehen kann.
- Unsere dank Technik ausgeprägten Möglichkeiten zu rascher Wunschbefriedigung bei geringer Anstrengung führen zu Verwöhnung und Anspruchshaltung. Das bedeutet, die Reizintensität muss gesteigert werden, um bei der nächsten Wunschbefriedigung dasselbe Lusterlebnis zu haben wie zuvor. (Beispiel: Wenn wir uns aus dem Kühlschrank etwas zum Essen geholt haben und danach noch ein bisschen Hunger verspüren, brauchen wir etwas besonders Delikates um dasselbe Lusterlebnis zu haben, wie bei einer einfachen Speise im hungrigen Zustand – deshalb das Sprichwort: Hunger ist der beste Koch).
- Bei billiger Energie werden unser Wunsch nach Anerkennung und unser Hang zur Bequemlichkeit und zum Komfort zu ökonomisch leicht ausbeutbaren Faktoren. Wieder entsteht daraus eine endlose Bedürfnisspirale, der sich der einzelne Mensch nur schwer entziehen kann.
- Bestimmte Konsumgüter, wie z. B. das Auto, besitzen Eigenschaften, auf die die Psyche vieler Menschen, vornehmlich männlichen Geschlechts, mit suchtähnlichem Verhalten reagiert.
Jenseits der Werbung
All diese Verhaltenstendenzen machen uns Menschen zu äußerst problematischen Marktteilnehmern. Der Psychostruktur der Menschen könnte z. B. angemessen Rechnung getragen werden, wenn Werbung in der bisherigen Form untersagt würde, und statt dessen zwischen Anbieter und Nachfrager eine öffentlichrechtliche Institution geschoben würde, die ohne eigenes Verkaufsinteresse über die vorhandenen Angebote nach benutzer-, umwelt-, sozial- und sicherheitsrelevanten Kriterien informiert. Das würde nicht nur echte Chancengleichheit am Markt für jeden Anbieter herstellen, sondern auch werbepsychologische Manipulationen und Vorteile, die sich aus großen Werbeetats ergeben, weitgehend ausschalten. Die Wirkung solch einer Maßnahme kann im Sinne der Nachhaltigkeit verstärkt werden, wenn alle Waren und Dienstleistungen vor ihrer Zulassung zum Markt darauf über prüft werden, ob sie mit einer nachhaltigen Entwicklung kompatibel sind.
Internationalen Arbeitsteilung
Ein freier Markt erfordert optimale Informiertheit aller Beteiligten und vergleichbare Rahmenbedingungen in allen interagierenden Wirtschaftsräumen. Ein Gipfel der Menschenverachtung ist das Konzept der internationalen Arbeitsteilung, das die Menschheit vereinfacht gesagt in eine Weißkittel-Fraktion, das sind die Menschen in den so genannten hoch entwickelten Industrieländern, und eine Blaukittel-Fraktion, das sind die Menschen in den so genannten Entwicklungsländern, aufteilt. Die Weißkittelfraktion ist für die anspruchsvollen Tätigkeiten zuständig, die Blaukittel-Fraktion für die einfacheren. Da aber die geistigen Fähigkeiten unter den Menschen in der Weißkittel- und Blaukittel-Fraktion in gleicher Weise verteilt sind, müssten in beiden Fraktionen Tätigkeiten zu menschenwürdigen Löhnen angeboten werden, die das ganze Spektrum der menschlichen Fähigkeiten adäquat abdecken. Das bisherige Ergebnis der internationalen Arbeitsteilung ist: die Weißkittel-Fraktion saugt Menschen mit hoher geistiger Leistungsfähigkeit aus der Blaukittel-Fraktion ab und den Menschen in der Weißkittel-Fraktion, die über geringere geistige Fähigkeiten verfügen, werden für ihre Leistungen menschenunwürdige Löhne gezahlt oder sie sind dauerarbeitslos.
Resümee:
In ihrem gegenwärtigen Zustand taugen die Wirtschaftswissenschaften nicht für ein Zeitalter der Nachhaltigkeit und des friedlichen Zusammenlebens.